1888 - 1919 Flensburger Export-Brauerei (Text: Stephan Wiese) Auch hierzu veröffentlichen die Flensburger Nachrichten am 11.09.1888 einen Gründungsprospekt und gehen dabei besonders auf die steigende Einwohnerzahl Flensburgs, den damit verbundenen erhöhten Bierkonsum und die besonders gute Lage ein. Außerdem hebt es die Erwartung hervor, bei hohen Abschreibungen 10-15 % Dividende zu erwirtschaften. Was die Gründer zu dieser Zeit noch nicht wissen: Diese hohen Vorgaben werden, vor allem wegen der Actienbrauerei als seinem größten Konkurrenten, nicht erreicht. Die neue Brauerei soll direkt zwischen dem Staatsbahngeleise und dem großen Mühlenteich, sowie zwischen dem Munketoft und der Schleswiger Chaussee entstehen. Auch heute noch befindet sich die Flensburger Brauerei Emil Petersen GmbH & Co. KG an der historischen Stelle im Munketoft 12. Das Grundstück soll im Ankauf 50.000 Mark kosten und hat auch ausreichend Platz für eventuelle spätere Erweiterungen, Wasser kann aus dem grundstückseigenen Brunnen gefördert werden. Der Kauf ist nicht ohne Hindernisse, da das Grundstück noch mehrfach verpachtet und weiterverpachtet ist. Die Gesellschaftsform ist auch hier eine Aktiengesellschaft, die ein Stammkapital von zunächst 600.000 Reichsmark in 600 Aktien zu je 1.000 Mark festlegt. Sie bietet die beste Möglichkeit einer Vorfinanzierung und entspricht voll dem Zeitgeist. Die Zeichnungen der Aktien sind bereits nach wenigen Tagen abgeschlossen. Von Beginn an legt man Wert darauf, daß nur die neueste Technik eingesetzt wird, so daß es möglich ist, mit nur 70 Mitarbeitern einen Ausstoß von 70.000 Hl zu erreichen. Somit wird sie effektiver arbeiten können als die Actienbrauerei. Nicht zuletzt deshalb beginnen schwere Zeiten für die Actienbrauerei, denn zu der ohnehin schon existierenden Konkurrenz kommt eine weitere Großbrauerei, die ihr das Leben noch sehr schwer machen wird. Aber wie geht es der Export-Brauerei? Am 18.09.1888 hält die Export-Brauerei ihre erste Generalversammlung der Aktionäre im "Kronensaal zu Sanßouci" ab. Kurz darauf am 24.11.1888 ist bereits Grundsteinlegung. Ein halbes Jahr später werden schon 150 neue Aktien zu 1.000 Mark nachgelegt, vermutlich weil die Kosten doch höher liegen, als geplant. Es wird eine Dampfmaschine mit 75 PS angeschafft, die sowohl die Eismaschine, als auch den gesamten Komplex mit elektrischem Licht versorgen kann. Schon im Dezember 1889 lädt die Brauerei öffentlich zur Bierprobe zu einem Eröffnungsbierfest ein. Die ersten Biersorten der Export-Brauerei sind das "Export-Bräu" (ein kräftiges Lagerbier) und das "Munke-Bräu" (ein dunkles Bier nach bayrischer Art) zu 19 bzw. 25 Pfg. pro Liter oder in halben Flaschen zu 1,20 bzw. 1,70 Mark per Dutzend. Vom "Munke-Bräu" sind bis heute leider keine Flaschen mehr erhalten geblieben. Im Mai 1890 kommt das erste Bock-Bier der Export-Brauerei zum Verzapf. Die Erwartungen der Firmengründer waren seinerzeit sehr hoch gesteckt, jedoch läuft der Absatz eher mäßig und man entscheidet sich unter anderem dazu, im Juni 1890 die "Schweizer-Halle" mit eigenem Biergarten zu eröffnen. Die "feenhafte" elektrische Beleuchtung zur Eröffnung wird zu dieser Zeit als Wunder empfunden. Selbst zur Kaiserparade im gleichen Monat ist das Exportbier präsent. Darüber hinaus verkauft die Flensburger Export-Brauerei ab August 1890 ebenfalls per Bierwagen Flaschenbier in die Umgebung, und das stellt zu dieser Zeit einen ganz besonders gepflegten Kult dar. Die Bierkutschen sind prächtig geschmückt, ebenso wie die stattlichen Pferde, die es nicht verschmähen, regelmäßig auch selbst von dem zu probieren, was sie tagtäglich hinter sich herziehen auf Wegen, die mit den heutigen wohl kaum vergleichbar sind. Fortan beginnt ein harter Konkurrenzkampf zwischen den beiden Großbrauereien in Flensburg und es ist für beide schwer noch hohe Gewinne zu erwirtschaften, die Zeiten der 2-stelligen Dividenden bei der Actienbrauerei sind fortan vorbei. Die Dividenden der Exportbrauerei sind bis zur Jahrhundertwende nicht höher als 5 %, danach nur bis maximal 8 %. Da kommt der Exportbrauerei 1890 der Baubeginn des Nord-Ostsee-Kanals und die damit verbundene Bierlieferung an die Großbaustelle für dieses Geschäftsjahr sehr recht. 1891 & 1892 nämlich weisen die Geschäftsjahre bereits wieder große Verluste aus und auch die Actienbrauerei hat unter dem neuen Mitbewerber schwer zu schlucken, denn der Umsatz sinkt ständig. Die anfänglich optimistische Rede vom "aufnahmebereiten Markt" ist längst verstummt. Bereits seit 1890 spielten beide Brauereien mit Fusionsgedanken, jedoch blieb es immer wieder nur bei Verhandlungen. Neue Ideen müssen her, dachte sich wohl die Actienbrauerei im Frühjahr 1894, als sie den Siegelverschluß* für ihre Flaschen einführt. Jedoch den Trend hat sie damit nicht getroffen, dieser Verschluß wird sich langfristig nicht durchsetzen. Vielmehr belegen die Jahresbilanzen eindeutig, daß der Umsatz von nun an deutlich sinkt, obwohl die Einwohnerzahl Flensburgs nunmehr auf 40.000 geklettert ist. So verwundert es wohl niemanden, daß sich 1896 & 1899 weitere Fusionsverhandlungen anschließen, jedoch die Vorstellungen von der Form der Fusionierung gehen noch zu weit auseinander. Die Actienbrauerei hat zweifelsohne wegen ihrer mangelnden modernen Technik ein weitaus größeres Interesse an einer Fusion. Mitte 1900, Flensburg ist mittlerweile mit knapp 49.000 Einwohnern immer noch eine wachsende Stadt, tut sich eine Arbeitsgruppe der Aktionäre beider Gesellschaften auf und startet eine Umfrage zu einer möglichen "Vereinigung beider Brauereien", denn es wird immer deutlicher: Zwei Großbrauereien in Flensburg können nicht nebeneinander bestehen. Diese Umfrage hat aber keine baldige Veränderung der Firmenführungen zur Folge, lediglich auf einen gemeinsamen Bierpreis im Stadtgebiet kann man sich nunmehr einigen. Der Wettbewerb geht unvermindert weiter, so bringt die Exportbrauerei neben dem schon 1898 neu auf den Markt ge- brachten "Wiener Exportbräu" schließlich im Herbst 1900 das "Flensburger Goldbräu" in der Handel. Eine Zeitungsanzeige schreibt dazu: "Bestellungen erbeten unter Telefon 77 im Comptoir". Man kann sich vorstellen, wieviel Telefonanschlüsse in Flensburg zu dieser Zeit bestanden haben mußten. Ungehindert der Absatzentwicklung erobert auch die Exportbrauerei die Welt. Um die Jahrhundertwende sind es ca. 5.000 Kisten Flaschenbier, die nach Asien und Übersee verschickt werden. Und auch wie das "Actienbier" wird das "Exportbier" mit großen Ehrungen bedacht, so etwa auf einer Bremer Ausstellung, nachdem das Bier von einer Fahrt nach Australien mit unverändert köstlichem Geschmack zurückkehrt. 1905 folgen neuerliche mühselige Verhandlungen der beiden Brauereien, aber auch diese scheitern. Das Schlechte daran ist sicher, daß die Actienbrauerei nun modernisieren muß. Das Gute jedoch liegt darin, daß die "alte Feindschaft" nun endgültig begraben wird, ja sogar ein gemeinsamer Betriebsausflug wird veranstaltet. Das größte Eis scheint wohl gebrochen und der Weg frei für weitere Entwicklungen. Die Qualität der beiden Brauereien ist zu Anfang des neuen Jahrhunderts durchaus vergleichbar gut und doch liegen weiterhin große Probleme in der Luft. Das ist sicher auch begründet durch den stetig sinkenden Bierverbrauch im gesamten Deutschen Reich. Gab es 1882 nur 881 Mineralwasser- und Limonadenhersteller, so sind es 1907 schon 4411 Erfrischungsgetränkehersteller. Es wird eben nicht mehr so viel Bier getrunken, wie noch vor 20 Jahren. 83 Jahre später werden die Brauereien ähnliche Erfahrungen machen müssen. Werbeanzeige vom 13.05.1906 So wundert es keinen, daß gerade jetzt verschiedene neue Biersorten von den beiden Brauereien auf den Markt kommen, so z.B. "Tropenbier"*-"Perplex"*-"Doppelbier"*-"Grätzer"* und "Champagner-Weissbier" von der Actienbrauerei oder gar das "Best-Stout-Porter"* und "Doppelex"* von der Exportbrauerei. 1914-1918 erlebt Deutschland eine Katastrophe mit dem 1.Weltkrieg, Flensburg hat mit über 67.000 schon 2 ½ mal so viele Einwohner als 1873. Am Ende des Krieges werden es nur noch knapp 61.000 sein. Der Braubetrieb geht jedoch vorerst weiter, wird aber bald durch die Auswirkungen des Krieges stark geschwächt. So werden aus den technischen Einrichtungen der Sudhäuser wertvolle Metalle geholt, was die Geldreserven beider Brauereien schließlich restlos erschöpfen läßt. Was um 1890 noch Zukunftsmusik war, wird im Herbst 1919 zur zwingenden Realität: Die Fusion der Actienbrauerei Gesellschaft und Export-Brauerei zur   Flensburger Brauereien A.G.
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